Renaturierung am Kubitzer Bodden

Rambin, 12. August 2019. Vorbei mit Stille und Idylle: Wo sonst Lerchen, Gänse und Kraniche ihre jahreszeitlichen Vogelsymphonien aufführen, wühlen sich bis ins kommende Frühjahr Bagger und andere schwere Baumaschinen durch das Grünland in Sichtweite des Kubitzer Boddens. Das groß angelegte Projekt zur Umgestaltung von Küstenlandschaft heißt „Renaturierung Polder Drammendorf“.

Auf lange Sicht werde sich hier ein landschaftstypischer Lebensraum entwickeln, ähnlich wie er früher einmal war, als es hier noch keinen Deich gab – mit Wasserflächen, wechselfeuchten Salzwiesen, Brackwasserröhrichten und Moor, informiert Rasmus Klöpper, der Projektleiter bei der Ostsee-Stiftung: „Im Zuge dieser Maßnahme wird auch der 1962 entstandene Deichabschnitt an der Boddenküste auf einer Länge von 650 Metern zurückgebaut.

Den Hochwasserschutz soll künftig ein neuer Deich übernehmen, der zurzeit rund einen Kilometer landeinwärts entsteht. Ein neues Schöpfwerk wird dafür sorgen, dass dahinter niemand nasse Füße bekommt. Wenn im nächsten Frühjahr alle Arbeiten abgeschlossen sind, werden Rinder und Jungkühe auf Dauer die „Landschaftspflege“ übernehmen wie bereits seit drei Jahren auf einem Teilabschnitt. Auf dem künftigen Salzgrasland halten sie den Bewuchs kurz.

 

 

Heute durchzieht die 94 Hektar große Projektfläche zwischen den Rambiner Ortsteilen Drammendorf, Rothenkirchen und der Neuendorfer Kate ein Netz von Entwässerungsgräben. Die werden im Laufe der Bauarbeiten verfüllt oder zu flachen Rinnsalen umgestaltet.

Prof. Dr. Lutz-Arend Meyer-Reil

Hier werden sich typische Brutvogelarten des Salzgrünlandes wohlfühlen – Arten wie Knäk- und Löffelente, Austernfischer, Uferschnepfe und Wiesenpieper. Auf dem Grünland findet man schon jetzt verbreitet Feldlerchen, vereinzelt auch Kiebitze und Rotschenkel. Im Frühjahr und Herbst rasten hier viele Zugvögel auf ihrer Reise zwischen Süd- und Nordeuropa. Das genießt übers Jahr ein direkter Anlieger des Projektgebietes, der emeritierte Professor Dr. Lutz-Arend Meyer-Reil. Er wohnt in der Neuendorfer Kate und sieht in dem Vorhaben positive Aspekte: „Das neue wechselfeuchte Gebiet wird sich gut auf die Bestände auswirken.“ Weniger begeistert war er allerdings, dass ihn als unmittelbarer Nachbar bis vor wenigen Tagen noch kein Verantwortlicher des Vorhabens kontaktiert hatte.

Andreas Klug, Bürgermeister von Rambin vertraut den Fachleuten: „Ich gehe davon aus, dass die Umsetzung der Maßnahme zu den erhofften ökologischen Zielen führt und sich für Einheimische und Touristen eine Bereicherung des Naturerlebnisses in unserer Landschaft ergibt.“ Gute Aussichten also für Tierbeobachter und Naturliebhaber.

Andreas Klug

Denn der neue Deich wird auf einer Berme einen Meter unterhalb der Deichkrone begehbar sein. Auch das abgeflachte Gelände, über das sich heute noch der Deich in Ufernähe erstreckt, wird begehbar bleiben. Unterbrochen allerdings durch einen 20 Meter breiten Priel – ein offener Zugang, durch den das salzhaltige Boddenwasser ein- und ausströmen kann. Ähnlich wie früher, bevor der Deich in diesem Abschnitt gebaut worden war. Das weiß niemand besser als einer, den manche im Ort heute noch als „Retter des Rambiner Deichs“ kennen. Als Mitte der Neunzigerjahre der Deich an anderer Stelle gebrochen war, trat der damalige Fuhrunternehmer ohne viel Federlesen mit seinen beiden Radladern auf den Plan und füllte die große Leckage wieder auf. „Sonst wären Teilflächen von Rambin abgesoffen“, sagt der heute 79-Jährige. Er will mit Namen nicht in der Zeitung erscheinen, weil er seit einigen Jahren in Rente ist und seine „Ruhe haben will“.

Dr. Manfred Möller

Seit 2013 wird das Grünland nicht mehr gedüngt und seit drei Jahren von Mai bis Oktober durch Rinder beweidet. An einigen Stellen findet sich langsam eine sogenannte Magerwiese ein. Was eher nach Mangel klingt, ist aus ökologischer Sicht eine Rarität: Es konnten sich selten gewordene Pflanzen vermehren und neue Kleintierarten ansiedeln. Bewirtschaftet wird die Fläche durch die Agrar-Produktions- und Vertriebsgemeinschaft (APV) aus dem Rambiner Ortsteil Rothenkirchen. Für APV-Chef Dr. Manfred Möller in etwa ein Nullsummenspiel: „Für die Nutzung der Fläche zahlen wir Pacht, bekommen aber unseren höheren Aufwand von der Ostsee-Stiftung erstattet.“ Sonst würde sich wohl kein konventionell wirtschaftender Bauer für solch ein Öko-Projekt engagieren.

Die aktuelle Maßnahme schlägt in Bau- und Planungskosten mit mehr als zwei Millionen Euro zu Buche. Das Geld kommt großteils aus Fördertöpfen des Bundes, einen Teil tragen die Ostsee-Stiftung und das Land MV. Das Kapital der Stiftung von zehn Millionen Euro stammt vom russisch dominierten Konsortium Nord Stream AG – als Ausgleichsmaßnahme für die Inanspruchnahme der Ostsee- und Uferräume beim Bau der ersten Pipeline zwischen dem russischen Wyborg und Lubmin bei Greifswald.

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